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Anne von Karstedt, Illustratorin

Liebe Anne, es sind ganz besondere Zeiten, in denen unser Gespräch stattfindet. Das Coronavirus hat die Welt seit Wochen fest im Griff, daher wählen wir den digitalen Weg des Austauschs.

Das Museum der Arbeit, dessen Grafische Werkstätten du leitest, ist wie alle kulturellen Einrichtungen derzeit geschlossen. Womit beschäftigst du dich im Moment?

Liebe Astrid, – in einer Werkstatt gibt es immer genug zu tun! Inzwischen hat das Museum wieder geöffnet – allerdings schränken die Corona-Schutzbestimmungen das Leben in der Abteilung Grafisches Gewerbe doch sehr ein. Jede Art der Vorführung und alle museumspädagogischen Aktivitäten sind noch bis mindestens Ende Juni abgesagt. Was danach kommt, ist schwer zu sagen. Eine Vermittlung von Handwerkstechnik unter Einhaltung der Abstandsregel scheint nicht gut möglich. Außerdem gehören fast alle der ehrenamtlichen Mitarbeiter der Abteilung (50 an der Zahl!) zur Risikogruppe – die wollen wir natürlich nicht gefährden.

Seit Anfang dieser Woche sind sie aber wieder in sehr eingeschränktem Maße tätig – nach Wochen des Stillstands müssen Maschinen gewartet, Aufträge vollendet und die nie ausgehenden Aufräumarbeiten langsam wieder aufgenommen werden. Im Moment finden also Arbeiten ohne Einbeziehung der Besucher statt, nur nach vorheriger Anmeldung und immer nur mit einer ganz begrenzten Personenanzahl pro Werkstatt.

Du bist waschechte Hamburgerin, Spezialistin für historische Drucktechniken, Illustratorin, Holzschneiderin, Künstlerin und vieles mehr. Magst du uns zunächst einmal deinen Werdegang schildern.

Ich habe nach meinem Abitur Illustration an der HAW studiert und habe es so genossen, dass ich nach meinem Diplom dank eines DAAD-Stipendiums noch ein bisschen in Edinburgh weiterstudiert und dort meinen Master gemacht habe. Die manuellen Drucktechniken, die ich während dieser Zeit kennen- und lieben gelernt habe, haben mich seitdem immer begleitet. Von Schottland aus habe ich eine Initiativbewerbung ans Museum der Arbeit geschickt und bekam dann einen Anruf vom damaligen Museumspädagogen Till Schröder, der gerade auf der Suche nach einer Person war, die die Buchbindekurse im Haus übernehmen konnte. Zwar hatte ich vom Buchbinden bis dahin nur rudimentäre Ahnung, aber nach ein bisschen Einarbeitung und einer guten Übergabe des bisherigen Buchbinders klappte es gut. Das ist jetzt schon 20 Jahre her und war mein Einstieg ins Museum der Arbeit. Es folgten Buchprojekte in der Museumswerkstatt, mehr Aufgaben im Druckbereich und schließlich eine Anstellung.

Das Ausstellungskonzept im Museum der Arbeit kombiniert eine Dauerausstellung mit lebendigen Produktionsstätten, das heißt, die Grafischen Werkstätten präsentieren die historischen Druckmaschinen nicht nur zum Anschauen, sondern führen sie auch in Aktion vor bzw. stellen sie für Druckprojekte zur Verfügung. Gemeinsam mit dem Team aus den rund 50 ehrenamtlichen Kräften erhaltet ihr diese wertvollen Kulturtechniken damit lebendig. Was bietet ihr genau an?

Das Herzstück unseres Angebotes sind die Offenen Werkstätten. Die Entstehungsgeschichte dieser Offenen Werkstätten beginnt lange vor der Museumsöffnung 1997. Als die Idee zu einem Museum der Arbeit in den 80er-Jahren entstand, gab es große und turbulente Umbrüche in der Druckindustrie, was mit ein Grund ist, warum dieser Bereich in der Dauerausstellung so umfangreich thematisiert wird. Viele Druckereien stellten ihre Fertigungsweise von Buchdruck auf Offsetdruck um, viele Maschinen wurden nicht mehr gebraucht und dem Museum angeboten. Mit der Übernahme dieser Maschinen kamen auch die Menschen, die sie aufstellen, in Betrieb nehmen und bedienen konnten. Schließlich sollte das Museum der Arbeit ein niederschwelliges Museum mit viel Aktivität werden und Arbeit nicht nur theoretisch, sondern praktisch zeigen. Im Rahmen eines Tages der Offenen Tür in den 80er-Jahren fand die erste Offene Werkstatt für Besucher statt. Sie war so erfolgreich, dass die Setzer und Drucker durchsetzten, sie wöchentlich stattfinden zu lassen. Erst im Torhaus der Fabrik, später zog sie um in die sogenannte neue Fabrik, das heutige Hauptgebäude des Museums. Im Laufe der Jahre wuchs das Angebot: eine kleine Buchbinderei, eine Lithografiewerkstatt mit Schnellpresse (übernommen von der Deutschen Bahn 1992) und seit 5 Jahren auch eine Radierwerkstatt. Jeden Montagabend haben Besucher Gelegenheit, zu kommen, zu gucken und vor allem unter Anleitung selbst zu aktiv zu werden.

Natürlich machen wir auch noch andere Dinge: Wir machen Vorführungen an besonderen Maschinen, bieten ein museumspädagogisches Angebot speziell für Kinder und produzieren in regelmäßigen Abständen Plakate, Karten und auch ganze Bücher.

Einmal im Jahr findet im Museum der Arbeit die BuchDruckKunst statt, eine Messe für Liebhaber individuell gestalteter Bücher. Auf ihr werden Luxus-, Vorzugs- und Normalausgaben sorgfältigst hergestellter und gedruckter Werke angeboten, wobei zum Teil bereits die Normalausgaben mehrere Hundert Euro kosten. Worin besteht deiner Meinung nach die Faszination dieser Werke?

Die Fertigung solcher Bücher ist enorm aufwendig, die Auflage häufig gering – das führt zu einem höheren Preis. Das Besondere an diesen Werken ist, dass sie oft alle Sinne ansprechen: die Haptik eines guten Papieres, der Geruch von Druckfarbe, die Farbigkeit eines Drucks, der nicht an die Grenzen des EU-Vierfarbsatzes stößt, sondern gemischte Echtfarbe ist, ungerastert und klar, die leichte Prägung einer gut ausgedruckten Schrift – manchmal vielleicht sogar die kleinen Fehler, die den Menschen hinter der Herstellung sichtbar machen. Wer einmal angefangen hat, so etwas zu sehen, wird diese Dinge zu schätzen wissen.

Den wenigsten Menschen ist bekannt, wie viel Können, Mühe, jahrelange Erfahrung und Zeit in diesen Werken stecken. Für den Buchkünstler und Verleger Svato Zapletal beispielsweise hast du den Satz für seinen Robert-Walser-Band übernommen. Was genau umfasst das und wie lange dauert so ein Prozess?

Jedes Buch braucht eine gute vorherige Planung. Diese beginnt mit vielen Fragen: Wie viele Zeichen hat das Manuskript, wie ist die Struktur? Gibt es Kapitel, eine inhaltliche Abfolge? Wo sind Illustrationen sinnvoll? Welches Seitenformat, welche Schriftgröße, welche Satzbreite ist sinnvoll? Wie soll das Buch gebunden werden und welches Material eignet sich hierfür?

Bei dem Buchprojekt von Svato Zapletal lag die Planung ganz in seinen sehr organisierten Händen – das heißt, viele der Parameter wie Schriftart, Schriftgröße, Zeilenabstand und Satzbreite standen schon fest und wurden nur überprüft. Ich habe den Text auf der Linotype-Setzmaschine aus den 1930er-Jahren gesetzt. Die Schwierigkeit bei jeder Art von Satz – egal ob digital oder in Blei – ist, eine gute Lesbarkeit und ein möglichst gleichmäßiges Schriftbild zu erzielen, ohne übermäßig viele oder gar inhaltlich verwirrende Trennungen zu produzieren. Ganz wichtig ist auch die Ergänzung des Setzers durch einen Korrektor, der konzentriert und gewissenhaft sämtliche Druckfahnen gegenliest.

Gleich daran anknüpfend: „Schreiben scheint vom Zeichnen abzustammen“, hat der Schriftsteller Robert Walser einmal geschrieben. Als Illustratorin und Künstlerin sowie Setzerin und Druckerin hast du es ebenso mit Bildern wie auch mit Schrift zu tun. Magst du etwas zu deinem Verhältnis von Text und Bild sagen?

Obwohl ich mich eher der Zeichnung als der Schrift zuordnen würde, sind diese Bereiche durchaus eng verwandt – auch Schrift ergibt ein Bild auf der Seite. Ein Satzspiegel, der einem Text Raum zum Wirken lässt, ein Zeilendurchschuss, der das Lesen erleichtert, eine Schriftart, die gar nicht auffällt, da sie dem Wesen des Textes ganz entspricht – das zeichnet für mich gute Typografie aus. Sie steht für mich im Dienste des Textes, sie ist nicht der Hauptakteur (außer in Ausnahmefällen), sondern schafft die Voraussetzung, den Inhalt gut erfassen zu können. Interessant fand ich beispielsweise die Arbeit an dem Buch „ALLES“ von Cornelia Manikowsky – durch die Art ihres Schreibens, ohne Absätze, ohne Punkte, entsteht im Blocksatz ein ganz schlichter, strenger Satzspiegel, der ihren Texten absolut entspricht. Schon beim ersten Lesen des Manuskripts hat mich gerade dieser formale Aspekt besonders gereizt.

Beim Illustrieren orientiere ich mich am Inhalt des Textes. Hier versuche ich, die Bilder, die beim Leser durch den Text entstehen, nicht zu zerstören, sondern durch Illustrationen zu ergänzen, die Elemente oder Stimmungen aufgreifen, die im Text nicht zusätzlich noch erläutert werden. Das ist jetzt vielleicht ein bisschen verallgemeinernd formuliert. Bei einem Kinderbuch ist die Herangehensweise natürlich etwas anders als bei einem Gedicht oder einer Erzählung.

Für die St. Michaelis-Kirche habt ihr 2018 ein ganz besonderes Projekt realisiert: Um Menschen zu ehren, die sich besonders für den Michel engagieren, habt ihr eine alte Tradition wieder aufleben lassen: die Stifterlade, die am Reformationstag 2018 offiziell übergeben wurde. Worum genau handelt es sich dabei, wie sieht diese Stifterlade aus und wie wurde sie hergestellt?

Die Stifterlade ist eine neue Version des Stifterbuches, das bereits im Michel auslag. In diesem Buch waren kalligrafisch alle Stifter der Kirche verzeichnet. Wir bekamen die Anfrage, ob wir eine etwas variablere und modernere Variante schaffen könnten, da der Kalligraf leider aufgrund seines Alters diese Aufgabe nicht mehr erfüllen konnte. Wir haben eine Lade, also eine Art Kassette mit Einzelbögen vorgeschlagen, die jederzeit ergänzt werden kann. Einer unserer ehrenamtlichen Setzer, der leider kurz vor diesem Auftrag verstorben ist, hatte aus Messinglinien eine Druckform des Michel-Turms gebaut, der sich als Titelschmuck hervorragend eignete. Die Stifterbögen selbst wurden im Handsatz gesetzt und im Buchdruck auf wunderschönes Büttenpapier gedruckt. Zusätzlich zum Einzelbogen in der Lade bekommen die Stifter bzw. deren Angehörige den Bogen als handgeheftete Mappe. Am Anfang jeden Jahres ergänzen wir die Lade um die neuen Stifter. Wir haben uns natürlich sehr gefreut, einen so schönen Auftrag für das Wahrzeichen unserer Stadt machen zu können.

Für unsere gemeinsame Hinz&Kunzt-Benefizaktion „Arbeit ist das HALBE Leben“ hast du im Rahmen der Koordinierung des gesamten Herstellungsprozesses auch die Schriften für die Zitatpostkarten ausgewählt. Wie bist du dabei vorgegangen, was ist dir grundsätzlich wichtig, wenn du vor der Aufgabe stehst, einen Text typografisch zu gestalten?

Die Typografie steht im Dienste des Inhalts, wie ich bereits erwähnte. Natürlich ist bei der Schriftwahl auch die zeitliche Einordnung einer Schrift nicht ganz unwichtig. So wurde z.B. für das Kästner Zitat „Wer liefert Sonne in Konserven?“ nicht zufällig eine Schrift gewählt, die besonders in der Werbung der 50er-Jahre ihren Ursprung hat. Der Rühmkorf hingegen wurde in der sehr wenig dezenten Block gesetzt und nutzt den Raum der Karte voll aus. Hannah Arendt braucht Serifen, Gesetzestexte müssen aussehen wie Gesetzestexte und Parolen brauchen eine Grotesk. Natürlich hat es auch ein bisschen was mit Fachwissen zu tun, aber meines Erachtens erschließt sich das meiste eher aus dem Gefühl – und dann spielt im Bleisatz auch immer noch eine Rolle, in welcher Schrift denn auch genügend „e“s oder „k“s oder „l“s vorhanden sind…  Und wenn es nicht genügend davon gibt, dann nützt einem auch die schönste Auswahl nicht!

Bevor das Museum der Arbeit wegen der Covid-19-Pandemie schließen musste, habt ihr noch eine kleine Ausstellung eröffnet: Unter dem Titel „Wir machen Druck!“ haben Artur Dieckhoff und Gerhard Eikenbusch ein neues Buch präsentiert, das jungen Menschen den Zugang zur Welt des Druckes eröffnen soll. Es enthält als Beigabe sieben Original-Grafiken, die im Juni 2019 im Museum von Walter Fischer und Klaus Raasch gedruckt wurden. Diese Grafiken veranschaulichen die Bandbreite unterschiedlicher Hochdruck-Techniken, eine stammt von dir. Was für ein Motiv und was für eine Technik hast du gewählt und warum fiel die Wahl gerade darauf?

Das Motiv zeigt die Heilige Dorothea mit dem Jesuskind und ist ein Nachschnitt in Lindenholz eines Einblattdrucks aus dem 15. Jahrhundert. Diese Einblattdrucke waren erst durch die Erfindung des Papiers günstig herzustellen und in einer höheren Auflage möglich. Im Buch „Wir machen Druck“ sollen sie verdeutlichen, wie wertvoll ein Bild für die Menschen dieser Zeit war – sie wurden für die private Andacht an der Wand befestigt und gewährten göttlichen Beistand und schützten angeblich vor Krankheiten und Seuchen. Der Wert dieser Bilder ist bei der heutigen Bilderflut, der wir ausgesetzt sind kaum noch vorstellbar.

Kuchen, Stift, Mönch: Die Drucker-Zunft kennt einige herrliche Begriffe und nicht minder schöne Bräuche. Magst du uns verraten, was es mit dem Gautschen auf sich hat und ob du auch schon in diesen Genuss gekommen bist?

Es gibt herrliche Worte im Setzerlatein: Es wimmelt von Hurenkindern, Schusterjungen und Bleiläusen. Jeder Setzfehler (nicht zu verwechseln mit Druckfehlern!) hat einen blumigen Namen, jede Schriftgröße ebenfalls. Nicht umsonst heißt es „die schwarze Kunst“ – man muss einiges wissen, um einen ihrer Jünger zu verstehen. Kluge Menschen, die ihr Wissen aber auch nicht unbedingt immer mit jedem teilen wollten und sich so ein hohes Ansehen und einen guten Verdienst gesichert haben.

Und ja, ich bin gegautscht! Und zwar im Buchdruckmuseum in Hannover, im Jahr 2006. Das Gautschen ist die „Druckertaufe“, also eine Freisprechungszeremonie nach der Lehre. Der Begriff Gautschen kommt eigentlich aus der Papierherstellung – nach dem Schöpfen eines Bogens aus der Bütt wird dieser auf einen Filz abgelegt. Bei der Druckertaufe ist auf jeden Fall auch wichtig, dass man nass wird, es gibt neben einem Gautschmeister, der die Zeremonie leitet, noch extra Packer, die einen in eine Bütt stecken (in meinem Fall war es ein zweckentfremdetes, mit Wasser gefülltes Schlauchboot) und falls man noch zu trocken am Hosenboden ist, wird man zusätzlich noch auf einen Schwamm gesetzt. Aufgabe des Gäutschlings ist auf jeden Fall, sich gegen all dies zur Wehr zu setzten, natürlich im Endeffekt erfolglos. Das Wasser soll die schlechten Gewohnheiten aus der Lehrzeit wegwaschen.

Zum Abschluss muss der Gäutschling noch unter Beweis stellen, dass er viel Bier auf einmal verträgt. Insgesamt eine absolut gelungene Veranstaltung an die ich gern zurückdenke.

Und zum Abschluss möchten wir immer gern wissen: Was für Projekte werden dich in diesem Jahr aller Voraussicht nach beschäftigen, so es die Situation zulässt?

Wir haben gerade ein wirklich schönes typografisches Kartenspiel, TYPESET, gedruckt und wollten es am Tag der Druckkunst am 15. März vorstellen … daraus wurde dann ja leider nichts. Die Kartenspiele sind (wegen Lieferproblemen beim Material vorerst in einer kleineren Auflage) fertig und im Museumsladen erhältlich. Das nächste Buchprojekt ist auch bereits in der Planungsphase, noch ist nicht alles in trockenen Tüchern, aber wir bleiben aktiv und halten die historische Drucktechnik lebendig!

Liebe Anne, wir danken dir sehr herzlich für diesen interessanten und informativen Austausch – und natürlich ganz besonders für die großartige Zusammenarbeit mit dir und deinem Team. Für deine kommenden Projekte wünschen wir dir alles Gute!

Anne von Karstedt ist ausgebildete Illustratorin und leitet die Grafischen Werkstätten des Hamburger Museums der Arbeit.

Copyright der Fotos: Mauricio Bustamante (1), Anne von Karstedt (2, 3, 5), ARTLIT (4).

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