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Jeannine Platz Malerin, Kalligrafin

Jeannine Platz

Liebe Jeannine, es ist ein ganz unglaubliches Portfolio an kreativen Tätigkeiten, die du bereits ausgeübt hast. Du bist gelernte Werberin und Schauspielerin, hast TV-Produktionen geleitet, warst Cutterin, hast moderiert und bist als Synchron- und Hörbuchsprecherin tätig gewesen. Wie bist du zur Malerei und dann zur Kalligrafie gekommen? Hast du in diesen gestaltenden Tätigkeiten etwas gefunden, das vorher gefehlt hat?

Wenn ich früher nachts von der Bühne oder vom Filmset nach Hause kam, habe ich immer noch ein paar Stunden gemalt, um in meine innere Welt abzutauchen. Bei allen Tätigkeiten habe ich meine Kreativität ausleben können, aber in der Malerei fühlte ich mich grenzenlos frei. Hier bin ich meine eigene Quelle, aus der ich schöpfe.

Als Malerin liegt dein Schwerpunkt auf großformatigen Wolkenszenarien und Meereslandschaften. Schaut man deine Bilder an, dann gibt es kaum ein Lichtverhältnis oder eine Stimmung, die du nicht eingefangen hast. Dafür fährst du regelmäßig auf Containerschiffen mit. Was bedeuten dir diese Fahrten?

Wenn ich die größten Containerschiffe der Welt auslaufen sehe, verspüre ich jedes Mal eine große Sehnsucht und denke: „Nimm mich mit!“ Und manchmal darf ich dann mit. Sobald ich an Bord bin, befinde ich mich in einer Welt des Hier und Jetzt. Nirgendwo sonst habe ich jemals einen Ort gefunden, an dem ich so sehr berührt bin und bei mir selbst ankomme wie auf einem Riesenfrachter. Hoch oben über dem Meer herrscht absoluter Frieden und unendliche Weite. Es ist das Rauschen der Wellen, begleitet vom dumpfen, rhythmischen Wummern der Maschinen und des Windes, die faszinierendsten Wolken, das tiefste Nachtschwarz und die sternenübersätesten Himmel, die es nur auf hoher See so gibt – genauso wie diese unglaublich zufriedenen Menschen, die hier arbeiten. Hier zu malen ist für mich ein großes Geschenk. Und wäre ich nicht Malerin, dann sicher Kapitänin. Einmal stand ich mit einem Kapitän auf der Brücke und ich fragte ihn, warum er denn die Seefahrt so liebe, darauf gab er mir zur Antwort: „You dip your finger into the sea and you are in touch with the whole world.“ Daraus ist sofort mein nächstes Bild entstanden.

Atelier Jeannine Platz

Ganz besonders hat es dir der Hamburger Hafen angetan. Mit Schleppern und Schlauchbooten lässt du dich ganz nah an größte Schiffe heranbringen, um auch ungewöhnliche Perspektiven einfangen zu können. Was verbindest du mit dem Hafen?

Der Hamburger Hafen ist für mich ein Symbol für Kommen und Gehen, für Dynamik, für das Tor zur Welt, für die Nähe zum Meer. Abends ist der Hafen ein einziges Lichtermeer, alles funkelt und leuchtet. Er steht niemals still und liegt doch ruhig da. Ich fühle mich jedes Mal in die Arme genommen. Sogar jede Schiffscrew freut sich, in den Hamburger Hafen einzulaufen, weil er zu den schönsten der Welt gehört.

Du arbeitest nicht mit Pinseln, sondern nur mit den Händen, manchmal mit Spachtel und Zahnbürste, um Lichtreflexe aufzutragen. Was ist der Vorteil für dich an dieser Art des Malens?

Wenn ich mit den Händen male, ist das für mich ein sinnliches Erlebnis. Ich fühle die Farben, die Leinwand und den Akt des Malens. Ich habe die Farbpalette zum Anmischen direkt auf der Hand. Einen Spachtel benutze ich für Konturen, und am Ende verwende ich die Zahnbürste für virtuose Akzente. Als Schlussakkord schreibe ich skripturale Kalligrafien in meine Bilder hinein. Dies ist mein Stil, seitdem ich male.

Jeannine Platz

Als Kalligrafin bist du für internationale Unternehmen wie Chanel, Hermès, Rolls-Royce oder Montblanc tätig, du gestaltest Wandbilder, die aus Schriftelementen bestehen, und entwirfst Schriftzüge für Magazine. Was war für dich der Anlass, dich mit Kalligrafie zu beschäftigen, und was bedeutet dir Schrift?

Die Kunst des schönen Schreibens habe ich schon als Kind als wundervolle Ausdrucksmöglichkeit für mich entdeckt, und vor etwa 15 Jahren erkannte das auch eine renommierte PR-Agentur. Seitdem kalligrafiere ich täglich. Der Akt des Kalligrafierens ist ein ganz meditativer. Ich tauche die Federspitze in das Tintenfass und höre dem Gleiten der Schwünge auf dem Papier zu. Ich variiere mit Druck die Strichstärke und erfreue mich an den unendlichen Möglichkeiten. In Zeiten, in denen die Handschrift leider verlernt wird, wertschätzt man sie gleichzeitig immer mehr. Sie verleiht dem Text eine Persönlichkeit, ein Antlitz. Sehr gern verbinde ich die Malerei mit der Kalligrafie, ich male regelrecht die Buchstaben, und ich schreibe in meine Bilder. Neuerdings performe ich dabei gern vor Publikum.

Du hast Kalligrafie bei so unterschiedlichen Lehrern wie Denis Brown, Joachim Propfe, Birgit Nass, Eveline Petersen-Gröger und Kazuaki Tanahashi studiert. Kannst du sagen, was du jeweils von diesen einzelnen Persönlichkeiten mitgenommen hast?

Manche Lehrer üben 30 Jahre lang an der Perfektion einzelner Buchstaben, andere meditieren zu Beginn jeder Kalligrafie-Sitzung oder planen im Kopf die Gesamtkomposition. Aus allen Lektionen habe ich mitgenommen, dass ich am besten bei meinem eigenen Stil bleibe, und das ist mein Gefühl, mehr brauche ich nicht.

Für ARTLIT warst du mit deiner Kombination aus Malerei und Kalligrafie ein regelrechter Glücksfall. Wir haben dich gebeten, das Gedicht von Hilde Domin „Wer es könnte / die Welt / hochwerfen / dass der Wind / hindurchfährt“ zu gestalten. Was waren deine Überlegungen dabei, und wie bist du vorgegangen?

Der Text hat mich sehr berührt. Ich bin darin eingetaucht und brauchte nicht zu überlegen, ich habe mich einfach von meinem Gefühl leiten lassen.

Jeannine Platz

Mit Acrylfarben in Weiß-, Grün- und Grautönen hast du einen ganz zarten Hintergrund geschaffen, der als Wolken- und Meereslandschaft zu erkennen ist. Darauf sind mit weißer Schrift, die beinah mit dem Hintergrund verschmilzt, die Gedichtzeilen aufgetragen. Das Ganze ist durch seinen ungemein zarten und luftigen Charakter eine äußerst stimmige Umsetzung des Gedichts geworden, und es ist genau diese federleichte Anmutung, die den Menschen an diesem Bild so gefällt. 

Liebe Jeannine, es fällt auf, dass du dein Atelier gern auch verlässt und im Rahmen von Projekten den direkten Kontakt mit Menschen suchst. Mit Heinrich von Handzahm beispielsweise veranstaltest du sogenannte Kalligrafie-Performances. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, und was passiert dabei genau?

Ich mag gern interaktive Aktionen, bei denen ich aus dem Stegreif agieren darf und nichts vorher geplant ist. Bei den Performances weiß ich nicht, was auf mich zukommt, es ist immer ein spannender Moment. Heinrich von Handzahm singt seine Songs, ich höre sie und nehme einzelne Worte in mir auf, die ich dann niederschreibe, sodass nach und nach eine Wortcollage entsteht. Entweder es bleibt anschließend ein Gesamtwerk, oder ich zerreiße die Leinwand am Ende wieder in einzelne Worte und verteile sie in die Welt. Ich liebe es, den Menschen etwas mit nach Hause zu geben, woran sie sich erfreuen. Dann bin ich erfüllt.

Jeannine Platz

Momentan arbeitest du an einem geradezu gigantischen Projekt: Es heißt „Suite View“, und du reist dafür in ganz besondere Hotels an ganz besonderen Orten und gestaltest dann den Blick aus dem Fenster. Wie ist es zu diesem Projekt gekommen, bei denen renommierte Hotelbetreiber wie das Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten, das InterContinental sowie das King George Hotel Partner sind?

Ich kam von Bord einer meiner letzten Containerschiffsreisen und stellte mir Fragen: „Gibt es jenseits des Meeres einen Blick der unendlichen Weite, der mich ergreift? Wo kann ich diesen Blick
finden? Irgendwo oben? Wo ist oben? Wie ist es oben? Vielleicht sehe ich das Meer? Oder noch mehr?“ Für mich war schnell klar, dass ich in die oberste Etage eines Hotels gelangen muss, um diesen Blick zu finden. Zunächst habe ich weltweit Hotels gefragt, ob sie bei meinem neuen Projekt mitmachen würden. Inzwischen fragen die Hotels mich, ob sie dabei sein dürfen.

Jeannine Platz

Bisherige Stationen waren Hamburg, Berlin, Frankfurt, Oslo, Athen, London, Edinburgh, Istanbul, Moskau, Los Angeles, Palm Springs, New York, Mauritius, Dubai, Singapur, Kuala Lumpur, Shanghai und Hongkong. Welche Ziele sind noch geplant, und wie geht es dann weiter?

In ein paar Tagen geht es nach Mexiko und Rio, dann nach Sydney, Tokio, Bangkok, auf die Malediven und zwischendurch nach Kreta, Santorini, Cannes und Venedig. Im Frühjahr 2017 gibt es dann eine Ausstellung all meiner mitgebrachten Bilder und einen hochwertigen Bildband. Bis dahin werde ich noch viel reisen, und darauf freue ich mich sehr.

Liebe Jeannine, wir sagen ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch und drücken fest die Daumen für alles Weitere!

Jeannine Platz ist seit 1996 als freie Malerin tätig, seit 2002 zudem als Kalligrafin. In Hamburg-Ottensen betreibt sie ihr Atelier für Malerei & Kalligraphie. Ihre Werke wurden in zahlreichen Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen gezeigt: jeannine-platz.de

© der Fotos: Jeannine Platz

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